11 Freundinnen

Es ist eine phantastische Kulisse, im Sommer 2011. Die deutsche Frauenfußballmannschaft tritt im Berliner Olympiastadion vor 74.000 begeisterten Zuschauern zu ihrem ersten Spiel an. Davon hatten die Fußballerinnen geträumt: Dass ihr Sport in der Mitte der Gesellschaft ankommen würde. Und davon, dass sie ihrem Publikum ein neues Sommermärchen bescheren könnten. Dann die Enttäuschung: Das Team der Gastgeber schied im Viertelfinale gegen Japan aus.

Der neue Dokumentarfilm von Sung-Hyung Cho („Full Metal Village“) zeigt, was man auf dem Platz nicht sieht: die monatelangen Vorbereitungen, das Training. Und er lässt Spielerinnen sehr unterschiedlichen Temperaments erzählen: von Lira Bajramaj, die in den Medien als Miss WM gehandelt wurde, bis zu der burschikosen Newcomerin Dszenifer Marozsán. So entsteht ein Gruppenporträt jenseits der Klischees: von jungen Frauen, die leidenschaftlich gerne kicken, aber auch als Physiotherapeutinnen, Studentinnen oder Sachbearbeiterinnen im Leben stehen. Und die deshalb auch mit Niederlagen, Verletzungspech und Enttäuschungen umgehen können. Ja, Frauen spielen Fußball. Und sie lackieren sich die Nägel. Willkommen im 21. Jahrhundert. 

AllgemeinDokumentarfilm, D, 2013
FormatKinoproduktion, 16:9 (1:1,78), 102 Minuten
Regie / BuchSung-Hyung Cho
KameraSophie Maintigneux, Axel Schneppat
SchnittSung-Hyung Cho
MusikWolfram Gruss
Produktion3sat, Pandora Filmproduktion, ZDF
Film ansehenüber Amazon

Synopsis

“Das Treten ist männlich, das Nicht-Treten ist weiblich.” – Fred J.J.Buytendijk, Psychologe, 1953.

Frauen und Fußball. Trotz wachsenden Interesses werden kickende Frauen immer noch belächelt – mindestens. Viele Männer sind nach wie vor davon überzeugt, dass Frauen kein Fußball spielen können, und sogar die geschätzten Kolleginnen vom Film meinen, Frauenfußball ist langweiliges Ballgeschubse ohne Thrill! Der Film fängt die spezielle Gemengelage ein und wirft einen genauen Blick auf die Frauen, den Sport, das Turnier und den Widerschein in der öffentlichen und veröffentlichten Meinung. Er portraitiert auf unterhaltsame Art und Weise Spielerinnen, die für den Sport und den Traum von Erfolg viel opfern und die sich alle neben ihrer Leidenschaft mit den Fragen der existentiellen Grundsicherung anders beschäftigen müssen als ihre männlichen Kollegen, und wirft ein Schlaglicht auf die WM im eigenen Land, die Emotionen, die Hoffnungen, aber auch die Enttäuschungen.

Wie sagte schon der legendäre Herbert Zimmermann 1954: “Auch Fußball-Laien müssen ein Herz haben …

»11 FREUNDINNEN« – noch ein Fußballfilm? 

Ich wuchs in einem Land auf, in dem Fußball sehr lange als marginaler Sport galt. So hatte ich meinen ersten Kontakt mit dem Phänomen „Fußball“ erst in Deutschland. Ich war damals frisch im „Land der Dichter und Denker“ und kannte deren Sprache nur aus dem Deutschunterricht in Korea. So klang anfangs in meinen Ohren selbst die Ansage der Marburger Busfahrer nach purer Poesie: „Rudolf Bultmann Strasse, Robert Koch Strasse…mmh“  

Entsprechend geschockt war ich, als ich am Frankfurter Hauptbahnhof von grölenden Männerhorden erschreckt wurde. Bis dato kannte ich deutsche Männer eher ruhig und zurückhaltend.  Es war für mich ein sehr befremdendes Gefühl,  Deutsche in einer lauten extrovertierten Masse zu erleben. Sie erschienen mir plötzlich primitiv zu sein – nicht mehr so vergeistigt und intellektuell, wie ich sie mir vorgestellt hatte und die Bilder aus dem Bahnhof gingen mir nicht aus dem Kopf.  

Jahre später kam ich während der Recherche zu „Full Metal Village“ wieder mit Fußball in Berührung. Ich tauchte in die Frankfurter Heavy Metal Musikszene ein und  es stellte sich heraus: sie sind alle Eintrachtfans!  So ging ich mit ihnen mal mit und betrat zum ersten Mal in meinem Leben ein Fußballstadion. Es herrschte eine unglaubliche Stimmung. Der Stadionsprecher rief höflich die einzelnen Namen der Gastmannschaft auf, was aus „unserer“ Kurve postwendend mit einem ohrenbetäubenden „Arschloch!“ quittiert wurde. Ich fühlte mich plötzlich seltsam befreit – von jeder gesellschaftlich erwarteten Höflichkeit und Korrektheit. Ich wunderte mich über mich selbst, wie schnell ich mich als Teil dieses atmenden Organismus fühlte und es genoss, synchron mit der Masse hin und her zu wogen, zu singen und zu schreien.  Seit diesem Tag in der gewaltigen Arena mochte ich diese Stimmung, die ich dann in Wacken wiederfand. 

2006 erlebte ich wie alle anderen hier in Deutschland eine Euphorie, einen Stimmungswandel, der sowohl Deutsche als auch uns, Mitbürger mit Migrationshintergrund, sehr glücklich machte. Wir erlebten in größter Harmonie ein vereintes, glückliches deutsches Volk und genossen das neue „Wir“-Gefühl. Die Deutschen standen endlich zu sich selbst und wir „Ausländer“ auch zu Deutschland. Meine neu erworbene Erkenntnis aus „Full Metal Village“ war: derjenige, der in der Lage ist, sich und seine Heimat unverkrampft zu lieben, kann auch Fremde(s) akzeptieren und vielleicht sogar mögen. Vielleicht habe ich deshalb die tolle Stimmung auf der Fanmeile während der WM 2006 besonders bewusst genossen und konnte gar nicht genug davon bekommen. 

Deutschland – noch ein Sommermärchen?
Ja, aber weiblich!

Als ich dieses Jahr dann angefragt wurde, einen Film über die deutsche Nationalelf der Frauen während der Fußball-WM 2011 zu machen, war meine erste Reaktion aber eher lauwarm:  „Noch einen Fußballfilm?“  Ich muss zugeben, dass ich nicht gerade vor Begeisterung vom Hocker gefallen bin. Denn es gab in letzter Zeit ja öfters Sport- oder Fußballfilme, einige liefen zwar erfolgreich – mehr durch das Event gepusht als unbedingt durch filmische Qualität. Sie entsprachen jedenfalls weder meinem cineastischen Anspruch noch meinem ausgeprägten Unterhaltungstrieb. 

Geködert wurde ich durch den Zufall, dass in Duisburg die deutschen Frauen gegen Nordkorea antraten. Da fuhr ich natürlich gerne hin.  Und ich war begeistert von den kickenden Riesenfrauen und nicht zuletzt von den Damen, deren Superschminke   offenbar locker 90 Minuten Fight durchhielt und die vom Platz gingen, als sei dort nicht  viel passiert.  Als ich erfuhr, dass die meisten Spielerinnen nicht vom Fußball leben können, ihm sich trotzdem mit Leidenschaft widmen, empfand ich große Rührung und Sympathie.  Das friedliche, aber begeisterungsfähige Publikum, das sich reflektierend wie Fußballexperten artikulieren konnte, faszinierte mich ebenfalls. Es wurde mir klar, dass Frauenfußball ein höchst spannendes, komplexes Thema ist und sich hervorragend eignet, um einen Blick auf die deutsche Seele zu werfen. 

Meine Haltung  ist dabei die eines Ethnographen, der Frauenfußball als kulturelles Feld betrachtet, das es neu zu entdecken gilt. Mit meinem fremden Blick fühle ich mich für dieses tiefgründige Vorgehen optimal gewappnet.  Mein Ziel dabei ist es nicht eine vorschnelle Hypothese aufzustellen oder eine Meinung festzulegen. Ich werde in die Szene eintauchen, sie vorurteilsfrei beobachten und darstellen. 

Eine einfach gestrickte Dokumentation des Ereignisses, ohne eine Geschichte erzählen zu wollen, ist nicht in meinem Sinne. Das Event Fußball-WM der Frauen soll sowohl als Rahmenhandlung als auch als dramaturgischer roter Faden dienen. Und schließlich als der Höhepunkt, worauf alles hinaus läuft.

Visuell lasse ich mich von den gut fotografierten Filmen wie „Zidane“, „Höllentour“ inspirieren.  Wir werden mit  kinoerfahrenen Kameramenschen mit hoch auflösenden HD-Kameras drehen. Verwackelte, pixelige, selbst vom Regisseur gedrehte Bilder, die immer physisch nah dran, aber ohne wirklich emotional nah an den Protagonisten zu sein, sind ebenfalls nicht in meinem Sinne. 

Hinsichtlich der Auswertung will ich ein großes Publikum erreichen, das nicht nur aus den Fußballfans, sondern auch aus den Kinogängern ohne Hang zum Fußball bestehen soll. Ich will letztlich einen Film machen, den ich als Nicht-Fußballinsider selber gerne im Kino anschauen möchte: einen anspruchsvollen und zugleich sehr unterhaltsamen Film. 

Sei gespannt und halt die Ohren Steif!
Eure Sung-Hyung

20 Gedanken zu „11 Freundinnen“

  1. 11 Freundinnen ist echt super geworden.
    Ich bin mit einer Freundin ins Kino gegangen,
    die nicht viel von Fußball hält und versteht
    und sie war echt begeistert.
    Der Mix von diesem Optimismus der Spielerinnen,
    den Hürden die sie nehmen müssen und
    einfach… der ganze Film war einfach klasse!!!
    Nora

    1. Hi Jutta,
      danke für deine Frage und erst mal ein frohes neues Jahr!
      Ich wollte auch so gern, dass der Film noch letztes Jahr unmittelbar nach der Hofer Premiere ins Kino kommt. Leider hatten wir damals keine Kinos gefunden, denn es gab einfach zu viele neue Filme! Der Verleih fürchtet im Januar noch vor zu viel Konkurrenz. Der Film könnte nämlich ungeachtet und lieblos irgendwo in den unwichtigen Kinos gezeigt werden. Wir wollten auf jeden Fall einen guten Starttermin in richtigem Zeitkontext für den Film finden. Ohne ein Event könnte solch ein Frauenfußballfilm sehr schwer haben. Wir können halt mehr auf Euch, Frauenfußballfans als die Cineasten oder Filmkritiker zählen. Deswegen haben wir den Termin noch mal auf den Mai zum DFB Pokalspiel verschoben. Da hoffen wir aber, dass der Film richtig von den Medien geachtet und von den Fans wahrgenommen wird. Das ist der Grund! Bitte, hab noch ein wenig Geduld und mach Werbung für den Film! Wir brauchen Euch!
      Lieben Gruß, SH

  2. Hallo!
    War heute bei der Weltpremiere!
    Danke für einen super Dokumentarfilm über tolle facettenreiche junge Frauen aus der Nationalelf 2011!
    Ich freue mich schon sehr darauf diesen Film im LICHTBURG FILMPALAST in Oberhausen Anfang 2013 auf der großen Kinoleinwand zeigen zu können!
    Viel Spaß – und das ist garantiert mit diesem Film – bei den weiteren Filmpräsentation in Hof
    Petra Rockenfeller

    1. Liebe Petra Rockenfeller,
      vielen Dank für Ihre lieben Worte!
      Für uns war es auch einwenig überraschend, dass der Film so bombig ankam! Denn wir hatten wirklich sehr viele Schwierigkeiten mit diesem Film, die ich nicht gern in der Öffentlichkeit anspreche…
      Aber was soll´s. Wir freuen uns über die tolle Stimmung im Kino und freuen uns sehr darauf, nächstes Jahr zu Gast biem Lichtburg Filmpalast in Oberhausen zu sein!
      Bis dahin viele Grüße!
      Sung-Hyung

  3. Ich wollte nur sagen, dass ich mich schon riesig auf den Film freue. Gibt es denn schon neue Infos, wann der Film in den Kinos kommt?
    LG Silvana

    1. Ja! Der Kinostart ist bundesweit am 23.5.2013! Ich freue mich riesig darüber, dass der Film trotz aller Schwierigkeiten doch das Licht der Filmwelt erblicken kann. Bitte sag es allen Freunden und Frauenfußballfans!
      Aber noch dieses Jahr wird der Film auf Hofer Filmtage am 25.,26., und 27.Oktober gezeigt. Falls Du Lust und Zeit hast, sehen wir uns in Hof.
      LG, SH

  4. Hallo,
    bin schon sehr gespannt auf den Film. Ich hoffe jedoch, dass er schon früher in die Kinos kommt. Ich denke, gerade wegen der Männer-EM sollte er rausgebracht werden. Dann steht doch der internationale Fußball im Blickpunkt?
    Hm, als Vorschlag vielleicht so etwas:
    Fußball – nicht nur etwas für Männer
    Frauenfußball – das Leben auf & neben dem Platz
    Liebe Grüße, Jenny

    1. Hi Jenny,
      danke für Deinen Kommentar und die Titelvorschläge!
      Ja, der Fußball ist momentan der Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit. Aber ob unser Film zeitnah zur Männer-EM ins Kino kommen soll, weiß ich nicht. Der Verleih hat sich anders entschieden. Darauf habe ich keinen Einfluss.
      Aber irgendwie gefällt mir nicht das Zusammengestelltwerden, dass die Männer ins Finale kommen oder den Titel gewinnen, während die Frauen im Viertel Finale rausfliegen. Man wird wahrscheinlich wieder Frauenfußball mit Männerfußball vergleichen.
      Ich möchte mich momentan einfach darüber freuen, dass unsere Männer weiter kommen und vor allem so schön Fußball spielen.
      Toi toi toi!
      Lieben Gruß, SH

  5. Hm…wieso braucht ihr einen neuen Titel?
    Vielleicht:
    Powerfrauen oder
    kick it like birgit/prinz oder
    in guten wie in schlechten zeiten oder
    ein starkes team oder
    auf dem rasen der hoffnung oder
    play, score and dream oder
    das anonyme leben/alltag als fußball-star
    lg, Kati 🙂

    1. Hi Kati,
      danke schöne für die Anregungen!
      Der Filmverleih will unbedingt einen anderen Titel. Das ist halt so zu sagen eine höhere Gewalt … Ausserdem geht es in dem Film nicht um die WM als solche. Sondern viel um das Leben neben dem Fußball vor der WM. Wir wollten durch den Titel “11 Freundinnen” keine falsche Erwartung erwecken. Ich freue mich aber sehr, dass der Film dieses Jahr ins Kino kommt!

  6. am 10.12.11 soll ja die Doku “Nachspiel” im ZDF laufen. Eine Freundin und ich haben uns gewundert, dass diese Doku mit 30 Minuten recht kurz ist. Nun würde uns interessieren, ob der Kinofilm “11 Freundinnen” noch in die Kinos kommen wird?
    Vielen Dank und LG
    Steffi

    1. Hi Steffi,
      dieses halbstündige Filmchen ist unsere Vertragserfüllung dem DFB gegenüber. DFB wollte unbedingt noch dieses Jahr eine TV-Ausstrahlung. Wegen der Länge konnte ich in dem Beitrag nicht wirklich viel erzählen. Na ja…
      “11 Freundinnen” mit vielen sympathischen Seiten unserer Spielerinnen in voller Länge kommt nächstes Jahr, sehr wahrscheinlich im Juni, ins Kino. Sei gespannt!
      Viele Grüße, SH

  7. Liebe Sung-Hyung,
    wir von der Rotweinstadt sind alle gespannt, wann der Film in 2012 in die Kinos kommt. Dein Engagement dazu ist zu bewundern. Sehr schade finde ich es, dass Deine Landsfrauen von Südkorea Dich vor der WM so ignoriert haben. Ich persönlich kann solche Vehaltensweisen nicht verstehen. Die Globalisierung hat uns da nicht weiter gebracht: Weltweit Verständnis füreinander aufzubringen ist wohl nur wenigen vorbehalten.
    Ich wünsche Dir viel Glück bei der Gestaltung des Films. Bin sehr gespannt auf das Ergebnis.
    Viele liebe Grüße
    Bärbel

    1. Oh liebe Bärbel,
      schön von Dir zu hören! Das waren Frauen aus Nordkorea. Die dürfen im Ausland mit niemandem sprechen, mit mir, einer Südkoreanerin auf keine Fall… die armen Menschen. Ich bin sehr gespannt, wie lange sich die Nordkoreaner von der restlichen Welt in den Massen abschotten können.
      Mit dem Film komme ich so langsam voran…

      Lieben Dank und herzliche Grüße, SH

  8. Liebe Sung-Hyung,
    wir sind sehr gespannt und freuen uns schon auf Deinen Film zur Frauen-Fußball-WM.
    Spontan sind uns die Aufnahmen eingefallen (die ja im Wacken-Film FMV nicht erschienen sind), als Dein Team mit uns Fußball-Frauen in Wacken über Trainingsplatz gerannt ist!
    Herzliche Grüße aus Wacken
    Birte & Familie

    1. Liebe Birte,
      stimmt! Da haben wir die Frauenmannschaft von Wacken aufgenommen. Durch Wacken bin ich dann allerlei mit Fußball und Frauenfußball in Berührung gekommen.
      Wenn ich mit “11 Freundinnen” wieder in Hamburg sein soll, melde ich mich bei Dir.
      Viele Grüße,
      S.H.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.